Auch Oberammergauer können lachen und feiern
... Die Passion wird’s schon wieder richten. Dieser Satz ist mit Oberammergau verbunden wie das Bier mit dem Hopfen. Er gilt sowohl im öffentlichen Bereich, als auch im persönlichen, denn der Oberammergauer ist geneigt, gerne mehr Geld auszugeben als er tatsächlich hat. Von nichts kommt nichts und nicht zufällig ist aus dem einst ärmlichen Schnitzerdorf ein schmucker Ort entstanden, der so manches aufweisen kann, worum ihn vergleichbare Gemeinden beneiden. Mit der Zeit ist Oberammergau ein touristischer Wallfahrtsort geworden. Doch hat das Dorf auch seine „staaden Zeiten“. Zu viele, um all den Ansprüchen, die dort herrschen, gerecht zu werden.
 
Not macht erfinderisch – auch die Passionsspiele wurden aus der Not geboren – und so ließ sich Hans Reicherl vor vierzig Jahren etwas einfallen, was heute weltweit große Beachtung findet: Den König Ludwiglauf. Durch geschickte Strategie, Konstanz und Hartnäckigkeit ist daraus mittlerweile zusammen mit dem Vasalauf der bedeutendste Volkschilanglauf der Welt geworden. Hierbei geben sich inzwischen Weltmeister und Olympiasieger die Klinke in die Hand, was speziell in der „staaden Zeit“ für volle Belegung sorgt, da beim Luggilauf jeder, der auf Langlaufschiern stehen kann, einmal dabei gewesen sein muss, ähnlich einem Muslim, dem ohne Mekkabesuch die Tore ins Paradies verschlossen bleiben.
 
Nachdem auch ich mit dem Ort ein wenig verwachsen bin – ich habe über viele Jahre im Ammergau gewohnt – habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht, wie man die „ruhige Zeit“ beleben kann. So spielte ich vor etwa 15 Jahren mit dem Gedanken in Oberammergau eine Kleinkunst-Szene zu etablieren. Wohlmeinende Freunde, die auch meine Risikofreude kannten, haben mir jedoch ganz entschieden davon abgeraten und gemeint, dass Oberammergau neben religiösen Inszenierungen allenfalls noch für Opern taugt. Es hat später auch dort große Opernaufführen gegeben, die trotz beachtlichem Zuspruch dann letztlich doch gescheitert sind. Kunst und Unterhaltung sind halt auch mit großen Risiken verbunden.
 
Heuer haben wir es dann letztlich doch gewagt und die Ammergauer Brettlnacht ins Leben gerufen. Trotz regnerischem und stürmischem Wetter ist es ein toller Abend geworden, vor allem was die Stimmung betraf. Trotz Witterungsverhältnissen, bei denen man keinen Hund vor die Türe setzen würde, sind gut 900 Menschen durch den Ort von Lokalität zu Lokalität gezogen und haben sich vom breit gefächerten Programm begeistern lassen. Rundum war es ein Erfolg, auf dem man aufbauen kann. Bürgermeister Arno Nunn konnte es im Vorwort zur Brettlnacht nicht treffender formulieren: „Oberammergau kann Passion – und wir können auch Brettl-Nacht!“ Darauf wollen wir nun in den kommenden Jahren aufbauen.
 
Das schönste an der Veranstaltung jedoch war, dass sich alle Oberammergauer einig waren. „Die Brettlnacht war super!!!! Das hat uns bislang gefehlt.“ Wer weiß, dass es in Oberammergau zu beinahe jedem Thema fast genauso viele gegensätzliche Meinungen gibt, wie das Dorf Einwohner hat, war dies für uns die schönste Auszeichnung, die man sich überhaupt erwerben kann. Selbst das Bundesverdienstkreuz hätte uns nicht stolzer machen können.
Rupert Reggel
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